Interview mit der niederländischen Doula Kristina van der Geest

 

 

 

17.7.18

 

 

1. Vielen Dank, dass ich mit Dir dieses Interview führen darf.

Magst Du Dich vorstellen und berichten, wer Du bist, wo und wie Du lebst, wo Du Deine Doulaausbildung gemacht hast und seit wann Du als Doula arbeitest? 

 

Ich bin Kristina, 48 Jahre alt, verheiratet und habe 2 Töchter. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, hat mich die Liebe mit 25 Jahren in die Niederlanden verschlagen. Ich bin ausgebildete Erzieherin und habe in München und in Den Haag mit Jugendlichen in Heimen und Wohngruppen gearbeitet. Nach der Geburt meiner Töchter bin ich zuhause geblieben, da die Arbeit nicht zu kombinieren war. Vor 12 Jahren sind wir von Den Haag in den Norden gezogen und ich wohne jetzt in der Nähe von Amsterdam an der Küste. Als die Jüngste mit 4 Jahren in die Vorschule gekommen ist, habe ich angefangen Kurse Babymassage zu geben und Ausbildungen in Massage und Yoga gemacht. Seit ungefähr 12 Jahren gebe ich die Kurse und besonders die Schwangerschaftsyoga ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich arbeite jetzt seit beinah 4 Jahren als Doula. Meine Ausbildung habe ich bei JJ Doulatraining in Amsterdam gemacht.

 

2. Die Niederlande gelten als Paradies in geburtshilflichen Kreisen. Wie verläuft in Deinem Land eine typische Schwangerschaft? Wie ist das Gesundheitssystem diesbezüglich aufgestellt? Wo siehst Du die Vorteile und wo die Nachteile?

 

Die Schwangerschaft und Geburtsvorsorge hat sich in den Niederlanden in den letzten 20 Jahren gravierend verändert und sicher nicht alles zum Positiven.
Vor 20 Jahren musste ich während meiner ersten Schwangerschaft noch um ein Ultraschall betteln, da meine Freundinnen in Deutschland so viele hatten. Mittlereile sind diese sehr Standard und es werden immer mehr. War es vor 20 Jahren noch normal um das Kind zuhause zu bekommen 60/30 bei der ersten Schwangerschaft, ist es jetzt beinah normal um ins Krankenhaus zu gehen 80/20

Die Hebammen haben viel mehr Befugnisse als in Deutschland, sie sind gewohnt um selbstständig zu arbeiten, können/dürfen schneiden und Nähen.

 

3. Wie verläuft in Deinem Land eine typische Schwangerschaftsvorsorge? Wie ist das Gesundheitssystem diesbezüglich aufgestellt?

 

Die Schwangeren kommen in regelmäßigen Abständen zur Hebamme und im Allgemeinen hat man Recht auf zwei Ultraschalluntersuchungen. Ein großer Unterschied ist die Wöchnerinnenhilfe (Kraamhulp), die regelt man selber während der Schwangerschaft, es gibt verschiedene organisierte oder freiberufliche Hilfen. Die Frau gebährt Zuhause und die Hebamme ruft eine Kraamhulp an, um die aktive Geburt zu begleiten, diese geht der Hebamme zur Hand und ist dann in der ersten Woche tagsüber im Haushalt und hilft bei der Versorgung des Baby’s und versorgt die Mutter, untersucht diese und macht die anfallende Hausarbeit. Wenn das Baby im Krankenhaus geboren wird, dann kommt die Kraamhulp am nächsten Morgen. Die Frau beleibt oft nur 2-3 Stunden im Krankenhaus nach der Geburt und geht dann nach Hause.

 

4. Wie viele außerklinische und klinische Geburten begleitest du? 

 

Im Moment steht der Zähler bei mir auf 50/50, wobei ich echt viel mehr genieße von den Geburten zuhause. Ich begleite nicht mehr als 6 Schwangere im Jahr

 

5. Wie gestaltet sich die Doularbeit in den Niederlanden?

 

Wir haben in den Niederlanden den Verein für niederländische Doula's (NBvD). Die Doula's von Amsterdam haben einen eigenen Klub und die Doula's von Haarlem. Es gibt auch eine app Gruppe von Doula's in Noord-Holland. Die 3 Ausbildungsplätze haben auch eine Studenten Facebook Seite, wo man sich auswechseln kann und Fragen stellen. Es gibt auch eine Doula-Koleginnen Seite auf Facebook.
Wir haben gerade den ersten Niederländischen Doulatag gefeiert, der wurde vom NBvD organisiert und war echt toll. NIcht nur das man sich mal wieder sieht, sondern auch echt gute Sprecher waren dort, Milly Hill, Jennifer Walker, Anna Verwaal, Raymond de Vries.

 

 

6. Berichte gern von Deiner Art als Doula zu arbeiten: Wie oft triffst Du Dich mit den Familien? Was ist Dir wichtig?

 

Ich denke das es ähnlich ist als in Deutschland: Eine Frau hat den Wunsch mich bei der Geburt dabei zu haben und dann haben wir bei ihr zuhause ein Gespräch, am liebsten mit dem Partner dabei. Ich erkläre was ich ihr bieten kann und im Gespräch erfrage ich ihre Erwartungen von mir und der Geburt, Verlauf der Schwangerschaft und so. Ich biete allen Schwangeren eine Massage an und gehe mit ihnen einmal mit zur Hebamme in die Sprechstunde. Ab der 36. Woche treffen wir uns einmal in der Woche, das kann ein Kaffeetreffen sein, oder wenn die zum Frauenarzt muss, dass wir zusammen hingehen und uns danach irgendwo noch unterhalten. Einen Geburtsplan stellen wir auch noch zusammen auf. Bei der Geburt bin ich dann dabei, bis das Baby da ist und noch ungefähr 2 Stunden danach. Ich komme einmal nach der Geburt vorbei und wir besprechen die Geburt nach. Während der Zeit das ich die Frauen begleite bin ich immer für Fragen oder Rat da.

Es ist unterschiedlich wie oft ich mich mit der Familie treffe, manche finden es gut, wenn ich regelmäßig da bin, wenn es Probleme gibt oder Unsicherheiten.

Mir ist es wichtig das die Frau das Vertrauen zu mir hat, wie zu einer Schwester.

Die Zusammenarbeit mit den Hebammen finde ich auch sehr wichtig, das sie mich als Hilfe sehen und nicht als Konkurrent.

 

5. Wo siehst Du als Doula in Deiner Arbeit Schwierigkeiten? 

 

Im Krankenhaus - kann ich das mit Großbuchstaben schreiben?! Die Protokolle sind schon lange wichtiger als die Schwangere, die klinische Hebamme ist leider immer mehr ein Helferlein vom Frauenarzt, die Krankenschwestern nehmen sich viel zu wichtig und haben zu wenig Zeit. Eine Doula stört, denn eine Doula fragt, eine Doula nervt, denn eine Doula hat ihre eigenen Ideen…

 

6. Wie hast Du Deine eigenen Kinder geboren?

 

Isabella kann mit 36 Wochen und ist im Krankenhaus geboren, wir waren noch nicht auf die Geburt vorbereitet und irgendwie war alles so überwältigend. Ich habe sehr viel an den Yogaübungen gehabt und konnte die Wehen gut auffangen in meinen eigenen Haltungen.

Rosalie ist zuhause geboren, ich habe eigentlich die ganze Zeit in der Wanne gelegen und war in meiner eigenen Welt. Als die Hebamme kam hatte ich schon Presswehen und durfte auch gleich loslegen, innerhalb von 20 Minuten lag sie dann bei mir auf dem Bauch.

 

7. Was wünschst Du den Frauen, Kindern und Vätern für die Zukunft in Bezug auf das Gebären?

 

Ich wünsche allen Frauen eine Doula, die von der Krankenkasse bezahlt wird (was letztendlich weniger kostet) Ich hoffe das die Frauen in den Niederlanden wieder zuhause ihre Kinder bekommen und das Krankenhaus nur sehen, wenn es nötig ist.

Ich wünsche den deutschen Hebammen das sie endlich ein anständiges Gehalt bekommen und die Wichtigkeit ihrer Arbeit zu schätzen gelernt wird.

 

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© Kristina Wierzba-Bloedorn