Kaisergeburt - gefährlicher Trend oder selbstbestimmte Option?

 

 

 

 

 

 

21.Mai 2017

 

Seit fast 10 Jahren besitze ich nun die Webseite Bauchgeburt.de und seit einiger Zeit auch eine passende facebook-Seite. Obwohl es mir Freude macht, damit zu arbeiten und über den Kaiserschnitt zu informieren und aufzuklären, erschreckt mich fast täglich, wieviele traumatisiert Frauen mitunter aus dieser Geburt heraus gehen. Ich bekomme so viele Mails und PN`s von traumatisierten Frauen, dass ich traurig und wütend gleichzeitig bin.

 

Als ich selber 2004 und 2007 meine Söhne durch ungeplante Kaiserschnitte geboren habe, war es eine Besonderheit in der mich umgebenden Kliniklandschaft, dass meine Kinder nach der Geburt im OP verblieben und im Arm meines Mannes ganz nah an mich gehalten wurden. Einer meiner Arme wurde losgeschnallt, damit ich die Möglichkeit hatte, meine Kinder zu berühren. Sicher hatte dies auch damit zu tun, dass das Krankenhaus, in dem ich geboren habe, das Qulitätssiegel "Babyfreundlich" besessen hat und noch immer besitzt. Diese Auszeichnung macht es zur Auflage, dass nach einem Kaiserschnitt die Kinder im OP im engen Kontakt zur Mutter bleiben dürfen. Obwohl dies dort schon sehr lange Zeit so gemacht wurde, wurde in diesem KH die Geburt im OP in den letzten 10 Jahren weiterentwickelt. Heute wird das Tuch, welches als Sichtschutz die Mutter von den Rippen abwärts vom Rest ihres Körpers und den sterilen vom unsterilen Bereich trennt, im Moment der Geburt (also nach dem Öffnen des Bauchraumes und während des Entwickelns des Kindes aus der Gebärmutter) abgesenkt. Die Frau kann zusehen, wie ihr Kind aus ihr geboren wird. Ein machtvolles Szenario, wenn wir bedenken, dass gerade dies es ist, was viele Frauen
vermissen, wenn sie ihre Kinder im OP zur Welt bringen. Es ist dann sogar möglich, die Kinder direkt entgegen zu nehmen. Die Mutter legt das Kind sich selber auf die Brust, so wie es eigentlich auch bei spontanen Geburten sein darf. Das erste Stillen, das Bonding, die ersten so wichtigen Momente an Interaktion zwischen der Mutter und ihrem Neugeborenen, findet im OP statt. Die Hebamme untersucht das Kind erst später und wenn es dem Kind gut geht, spricht nichts dagegen, mit der Routine zu warten.

 

Es gibt auch eine Variante, bei der die Mutter selber ihr Kind aus dem geöffneten Bauchraum holt. Dazu wird es das erste Stück von einem Arzt entwickelt. Nach der Geburt des Oberkörpers darf die Mutter dann das Baby selber zu sich ziehen. Dazu durchläuft sie zuvor die selben Desinfektionsabläufe wie der Arzt und ist entsprechend vorbereitet. Sie trägt außerdem lange Handschuhe. Es ist grundsätzlich auch bei einem Kaiserschnitt möglich, die Nabelschnur selbst zu durchtrennen oder im Sinne einer Lotusgeburt, die Plazenta vollständig aus der Gebärmutter zu entnehmen und so die Nabelschnur intakt zu lassen.

Dass diese Optionen bezüglich einer Bauchgeburt nicht überall auf Begeisterung stoßen, habe ich an vielen Stellen im Netz beobachten können. Wann immer Videos oder Zeitungsartikel dazu im Internet geteilt werde, entbrennen hitzige Diskussionen und in der Regel erfährt diese Variante des Kaiserschnitts viel Kritik. Mit einer dogmatischen Härte stehen sich Vertreterinnen der natürlichen Geburt und Kaiserschnittmütter gegenüber.

 

Unsere Kaiserschnittzahlen sind weltweit erschreckend hoch. In Deutschland kommt fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt auf die Welt. Schauen wir uns die Kaiserschnittraten der einzelnen Kreise an, gibt es enorme Unterschiede. Sie schwanken zwischen 17 und 51 Prozent, variieren somit um das Dreifache. Deutschland ist das Land mit einer der höchsten Kaiserschnittzahlen in Europa. Die Gründe dafür sind vielfältig und nur wer es wagt, genauer hinzusehen, kann erkennen, dass Antworten nicht einfach fallen. Festhalten möchte ich an dieser Stelle, dass sich nur sehr wenige Frauen einen Kaiserschnitt ohne medizinischen Grund wünschen. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen und Statistiken sind dies nur 2 Prozent. Dies ist ein kleines und dennoch wichtiges Detail, welches gern unter den Tisch gekehrt wird. Möglicherweise wird von Seiten der (klinischen) Geburtshilfe dies sogar aufgebauscht und dann dafür benutzt, um von der eigenen Verantwortung abzulenken und die jeweilige Sectiorate zu rechtfertigen? Ich kenne auch einige „alternative“ Geburtshelfer, die den Wunsch einer Frau nach einem Kaiserschnitt ohne med. Grund dafür verantwortlich machen, dass die Zahlen weltweit so hoch sind. Faktencheck Kaiserschnitt schreibt auf seiner Seite: "Nur einer von zehn Kaiserschnitten ist zwingend notwendig. In neun von zehn Fällen liegt eine relative Indikation wie eine Beckenendlage oder ein vorangegangener Kaiserschnitt vor, bei der zwischen einem Kaiserschnitt und einer natürlichen Geburt abgewogen werden muss. Dieser Entscheidungsspielraum führt zu unterschiedlichen Bewertungen und Präferenzen der deutschen Geburtskliniken und -abteilungen. Faktoren, die diese beeinflussen, sind z. B. die Erfahrung der Geburtshelfer, die Klinikorganisation oder haftungsrechtliche Aspekte. Der Faktencheck Kaiserschnitt sieht in dieser uneinheitlichen Risikobewertung den zentralen Grund für die regionalen Variationen."

 

Deutlich wird, dass unsere Geburtshilfe in einer großen Krisen steckt. Überall in diesem Land schließen immer mehr kleinere Krankenhäuser ihre geburtshilflichen Abteilungen und Hebammen müssen ihre freiberufliche Arbeit an den Nagel hängen, weil sie die steigenden Haftpflichtprämien nicht mehr bezahlen können. In den Kliniken arbeiten die Hebammen und Ärzte unter extrem schwierigen Bedingungen und es bleibt kaum Zeit für individuelle Prozesse.


Die Frauen sind und bleiben in den machtvollen hierarchischen Strukturen eines Krankenhauses das letzte Glied. Sie haben in der Regel wenig Einfluss auf den Ablauf eines Kaiserschnitts. Und auch wenn Frauen sehr informiert und selbstbestimmt in Geburten starten und selbst wenn sie selbstbewusst im Verlauf argumentieren und sagen, was sie wollen und was nicht, sind sie immer noch abhängig vom Wohlwollen der Geburtshelfer. Es passieren damals wie heute so viele auch im juristischen Sinne verletzende und grenzwertige Handlungen während einer Geburt. Hinterfragt wird das selten und nur sehr wenige Frauen klagen und erfahren später Recht nach Gerichtsprozessen.

 

Ich sehe aber, dass die Frauen nicht Schuld tragen an dieser Krise und den daraus resultierenden hohen Sectiozahlen. Sie verursachen sie nicht, sie sind nicht verantwortlich für unsere geburtshilfliche Situation und die meisten Frauen wünschen sich sich auch keinen Kaiserschnitt. Ich will nicht verschweigen, dass Frauen als Teil dieser Gesellschaft auch Verantwortung dafür tragen, dass nachfolgende Generationen noch selbstbestimmt gebären können. Jeder und jede von uns muss sich aufgefordert sehen, sich für eine bessere Geburtshilfe einzusetzen.

 

Sollte es nun aber dennoch zu einer Geburt im OP kommen, so sollte es selbstverständlich sein, dass den Frauen verschiedene Optionen bezüglich des Ablaufes angeboten werden. Und ich halte es auch für richtig diese Optionen nicht erst zu benennen, wenn die Entscheidung für eine Sectio schon gefallen ist. Auf jedem Infoabend sollte die Klinik neben ihrer Sichtweise auf den physiologischen Geburtsprozess und ihren Angeboten und Erläuterungen, wie sie dies unterstützen, auch darstellen, welche Möglichkeiten die Frauen während eines Kaiserschnitts haben. Wohlgemerkt: es sollte ein Angebot sein, aus dem die Frauen selbstbewusst und selbstbestimmt auswählen und für das oder gegen das sie sich nach umfassender Aufklärung entscheiden dürfen. Ich habe von vielen Frauen gehört, dass sie aus Angst vor der Bauchwunde von der Möglichkeit einer Kaisergeburt nicht Gebrauch machen wollen würden. Dass das Kind bei ihnen im OP verbleibt bzw. auf ihrer Brust, sehen meiner Erfahrung nach viele Frauen positiv.

 

In der Regel argumentieren Kritiker der Kaisergeburt damit, dass Frauen dadurch erst der Kaiserschnitt "schmackhaft" gemacht wird und sie befürchten, dass sich dadurch auch Frauen für eine Sectio entscheiden, die sich vorher nie dafür interessiert hätten.

 

Ich glaube nicht, dass dies ein haltbares Argument ist. Es setzt voraus, dass Frauen "dumm" sind, sie nicht unterscheiden können, zwischen den Vorteilen einer Spontangeburt und den Risiken eines Kaiserschnitts ohne medizinische Gründe. Auch wenn das einige Menschen gern vertuschen würden: die Zahlen sprechen dazu eine andere Sprache. Ich kann mich nur wiederholen: der geringste Teil der Frauen wünscht sich einen Bauchschnitt, um sich ihr Kind herausschneiden zu lassen. Und die Möglichkeit, dabei zusehen zu dürfen, macht dies nicht verlockender. Ganz sicher aber spielt dabei eine sehr gewichtige Rolle, wie der Arzt die Frau aufklärt.

 

Der Arzt residiert in den Köpfen der meisten Menschen noch weit vor der Hebamme als unangefochtener Halbgott in Weiß über der Geburt. Was er sagt, kann nicht falsch sein. Er irrt selten bis nie mit seinen Empfehlungen. Wenn nun als Option die Kaisergeburt genannt wird, wird dies sicher für viele Frauen tröstlich sein. Aber unabhängig davon wird sie

dem Rat des Arztes fast immer folgen. Ich denke deshalb, dass eine gute und umfassende Aufklärung allgemein in der Bevölkerung zum Thema Kaiserschnitt von Nöten ist. Dies ein wirksamer Schutz gegen steigende Sectiones.

 

Als in den späten 70er Jahren und Anfang der 80er Jahre Rooming-in auf den Wochenbettstationen der Republik Einzug hielt, wurde dies kritisch beäugt. Man dachte, Kinder würden feste Zeiten für das Stillen benötigen und das Verbleiben der Kinder bei den Müttern sei unhygienisch. Es gab Zeiten, da mussten Wöchnerinnen während der festgelegten Stillzeit einen Mundschutz tragen und eine vorherige strenge Kette von Desinfektionsmaßnahmen im Umgang mit ihren Kindern einhalten. Väter im Kreißsaal waren noch in den 70er Jahren ein Tabu und dass sie zu einem der seltenen Kaiserschnitte mit in den OP gedurft hätten, erschien den Menschen völlig absurd. Ein Kaiserschnitt war ein Notfall und kein amerikanisches Filmset, bei dem die Eltern zusehen durften. Dann kam es dazu, dass Väter mit den OP durften und die Kinder wurden den Frauen kurz gezeigt und verschwanden dann mit den Vätern in den Kreißsaal, wo die Familie erst wieder komplett wurde, wenn die Mutter vernäht war und möglicher Weise einige Zeit zuvor im Aufwachraum verbracht hatte. In manchen Kliniken ist dies noch heute so. Das Argument ist dann immer das Gleiche: im OPs sei es zu kalt für das Neugeborene. Wir wissen aber aus der Forschung, dass Neugeborene am ehesten ihre Körpertemperatur halten können, wenn sie sich im direkten Hautkontakt mit einer anderen Person (im Idealfall der Mutter) befinden. Außerdem gibt es Wärmedecken, die auch im OP benutzt werden könnten.

 

Ich gebe zu, es erscheint mir logisch, dass in der gegenwärtigen geburtshilfliche Situation Menschen zunächst skeptisch reagieren, wenn sie von den verschiedenen Möglichkeiten bezüglich des Ablaufs eines Kaiserschnittes hören. Es triggert insbesondere bei in der Geburtshilfe tätigen Personen die Angst, vaginale Geburten als "Kulturgut" zu verlieren. Was durchaus realistisch ist, betrachten wir die Tatsache, dass heute kaum noch Geburten ohne (viele) Interventionen verlaufen. Dies wiederum liegt weniger an der Tatsache, dass Frauenkörper defizitär wären, sondern mehr daran, dass unsere Geburtshilfe für ungestörte, interventionsfreie Geburten wenig Raum bietet. Die Frauen aber, die in unsrem System aus welchen Gründen auch immer ihr Kind im OP zur Welt bringen, können nichts dafür, dass die Haftpflichtprämien steigen, die Politik den Hebammenmangel leugnet und in ihrer Verantwortung versagt hat und dass aus unterschiedlichen Gründen die Kaiserschnittzahlen (entgegen der Empfehlungen der WHO von 10-15 Prozent) so hoch sind. Sie können auch nichts dafür, dass Geburtshelfer immer weniger Erfahrung mit z.B. spontanen Geburten von Beckenendlagen oder Zwillingen haben oder dass die Krankenkassen die Eltern dazu drängen vor Gericht zu klagen, wenn die Schuldfrage bei geschädigten Kindern unbeantwortet im Raum steht. Und selbst wenn die Kaiserschnittzahlen weltweit auf die empfohlenen 10-15 % fallen würden, gäbe es ja weiterhin Mütter, die ihre Kinder im OP zur Welt bringen und Kinder, die durch einen tiefen Bauchschitt geboren werden.

 

Jeder gut informierte Geburtshelfer weiß von der Bedeutung der ersten Stunde nach der Geburt. Diese Zeit ist prägend und hat einen lebenslangen Einfluss auf die Beziehung und Stillbeziehung von Mutter und Kind. Es ist wichtig, dass der Schutz dieser ersten Zeit nach der Geburt bewahrt bleibt - und das eben nicht nur im Kreißsaal, sondern auch im OP.

 

Es wäre unethisch, Frauen die Wahlmöglichkeiten bezüglich des Ablaufes eines Kaiserschnitte vorzuenthalten, besonders mit der nicht haltbaren Argumentation, dass dadurch die Zahl der Wunschkaiserschnitte steigen könnte.

 

Wir brauchen uns nicht darüber zu streiten, dass unsere Kaiserschnittrate zu hoch ist. Wenn Geburtshelfer ihre Unerfahrenheit und ihr eigenes Unwissen den Frauen als generelles Risiko verkaufen, dann läuft etwas ganz gehörig schief. Statt Schulungen z.B. zu spontanen Beckenendlagengeburten anzubieten, wird der Angst vor einer vaginalen Geburt mit einem Messer begegnet, welches den schwangeren Bauch durch alle Schichten hindurch aufschneidet.

 

Auch wenn ich mich damit schon mehrfach unbeliebt gemacht habe, werde ich nicht aufhören, es deutlich zu wiederholen: Selbstbestimmung endet nicht vor der OP-Türe und dies gilt für den Ablauf einer Sectio und auch für das Thema "Wunschkaiserschnitte".

Als ich vor 4 Jahren meine Tochter als VBA2C spontan geboren habe, war dieses Erlebnis großartig. Ich würde eine spontane Geburt nie gegen eine noch so tolle Sectio eintauschen. Aber ich bin ich. Und jeder Frau sollte es offen stehen, über die Bedingungen, unter der sie ihr Kind gebärt, selber bestimmen zu können.

 

 

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© Kristina Wierzba-Bloedorn