Joán

 

 

Die Geburt meines Sohnes, meines ersten Kindes, ist jetzt über 8 Monate her und dennoch denke ich fast täglich an sie. Am 9. Juni 2019, es war Pfingstsonntag, hatte ich einen Blasensprung. Ich befand mich in der 25. Schwangerschaftswoche (24+5). Ich war entspannt in den Tag gestartet, mein Mann war mit Freunden auf einer Sonntagsradtour. Zunächst waren es wenige Tropfen, die mir beim Beine rasierenplötzlich herunterliefen. Mein erster Gedanken war, dass ich ein Beckenbodenproblem habe. Meine Blase war jedoch nicht voll. Zunächst dachte ich mir weiter nichts. Als ich mich einigen Minuten später zum Essen hinsetzen wollte, verlor ich wieder Wasser, diesmal waren es mehr als ein paar Tropfen. Diesmal wurde ich stutzig. Ich rief eine ebenfalls schwangere Freundin an, mit der ich späterverabredet war. Sie hatte Wochen zuvor selbst die Befürchtung eines frühen vorzeitigen Blasensprungs gehabt. Sie riet mir, die Flüssigkeit mit pH-Streifen zu messen, die ich zufällig zuhause hatte (Fruchtwasser ist basisch, Urin nicht). Ich legte mir also einen Streifen in die Unterhose, welcher sich sofort blau verfärbte. Es war nun klar, dass dies kein gutes Zeichen ist, gleichzeitig wusste ich nicht, was auf mich zukommen würde. Meine Freundin riet mir, ins nächste Krankenhaus zu gehen, jedoch konnte ich die Nummer des Kreißsaals nicht finden. Zum Glück erreichte ich aber meine Hebamme, die mich sofort in die Uniklinik schickte.

 

Mein Mann kam in dem Moment gerade von seiner Tour zurück, musste aber noch unbedingt duschen. Im Wartezimmer saß ich zunächst mit meinem kleinen Bauch umgeben von all den Hochschwangeren. Die Ultraschall-Untersuchung verlief unauffällig, der Gebärmutterhals war noch über 4 cm , der Fruchtwassertest aber eindeutig positiv. In der Zwischenzeit löste sich auf der Toilette auch der Schleimpfropf. Ich weiß noch, wie ich die Assistenzärztin fragte, was das nun bedeute und sie mir sagte, dass eine Frühgeburt wahrscheinlich sei. Darüber hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Ich war festentschlossen, dass es nicht dazu kommen sollte, dass MIR sowas nicht passieren würde. Meine Schwangerschaft war, bis auf recht viel Müdigkeit und Erschöpfung, komplikationslos gewesen, ich hatte alle möglichen Anweisungen was Ernährung, Körperhygiene, Gesundheit angeht, befolgt. Für mich war klar, dass ich eine natürliche Geburt haben würde. Eigentlich wäre ich gerne ins Geburtshaus gegangen, hatte aber dort keinen Platz erhalten.

 

Das Krankenhaus, in dem mein Kind zur Welt kommen sollte (definitiv NICHT die Uniklinik), hatte ich mir aber genau ausgesucht. Es konnte einfach nicht sein. Ab diesem Zeitpunkt war klar, dass ich das Krankenhaus erst mit Kind wieder verlassen würde. Es wurde im Anschluss ein CTG gemacht, dass auch keine Wehen anzeigte. Außerdem bekam ich einevon zwei Kortison-Spritzen, die die Lungenreife meines Kindes beschleunigen sollten. Ich wurde stationär eingewiesen (mein erster Krankenhaus-Aufenthalt überhaupt) und bekam gleich die 1. Dosis Antibiotikum zur Verhinderung zur Behandlung möglicher Infektionen. Die Abstriche, die gemacht wurde, waren alle ergebnislos. Eine Ursache für den Blasensprung war also nicht auszumachen. Zunächst sollte ich also für sieben Tage bleiben. Würde die Geburt anstehen, würde man mich aber in ein anderes Krankenhaus mit D1-Level Versorgung verlegen, da die dortige Neonatologie bereits voll war. Dreimal pro Tag bekam ich also Antibiotikum, zwei unterschiedliche Arten, intravenös. Ebenso oft wurde Blut abgenommen, um meine Entzündungswerte zu messen. Bettruhe wurde mir zum Glück keine verordnet. Mein Mann besuchte mich in dieser Zeit täglich, und auch von Arbeitskolleg*innen und Freunden bekam ich viel Besuch. Die Schwestern auf der Station waren sehr nett. In den ersten Tagen hatte ich noch eine nette Zimmernachbarin, dann wurde diese entlassen und ich hatte das Zimmer für den Rest der Woche für mich allein. Nachdem ich den ersten Schock etwas verdaut hatte, konnte ich diese Woche, so befreit von Verpflichtungen, sogar fast genießen. Ich ging verstärkt in Kontakt mit meinem Kind, akzeptierte diese Situation und auch die Aussicht, im „besten“ Fall den gesamten Sommer im Krankenhaus zu verbringen, würde mein Kind nur doch bis September durchhalten. Ich dachte an Fälle, in denen Frauen bis zur 40. Woche „durchgehalten“ hatten oder in denen sich, der Riss in der Blase wieder verschlossen hatte. Nach „Geburt“ fühlte es sich jedenfalls überhaupt nicht an.

 

Die Entzündungswerte, die bei meiner Einweisung leicht erhöht waren, lagen irgendwann bei 1,1 (unter5 gilt als entzündungsfrei). Danach stiegen sie im Laufe der Woche wieder an. Am Freitagabend, 14. Juni, fünf Tage nach meiner Einweisung, wurde mir mitgeteilt, dass die Werte erneut deutlich gestiegen seien und dass es möglich sei, dass ich am nächsten Tag verlegt werden würde. Um 2 Uhr morgens wurde mir noch einmal zusätzlich Blut abgenommen. Das Ergebnis um 4 Uhr morgens, das mir die Schwester sogar am Monitor zeigte, war bei 12, eine leichte Entzündung, laut ihr war es aber lediglich eine Schwankung und keine echte Steigerung. Beruhigt legte ich mich wieder schlafen, am Morgen sollte über eine Verlegung entschieden waren. Um 8 Uhr erschien eine Assistenzärztin, die mir mitteilte, dass der Entzündungswert gestiegen sei und dass jetzt ein Kaiserschnitt gemacht werden müsse. Ich antwortete ihr, dass es doch keine Steigerung, sondern eine Schwankung sei. Mein Einwand wurde völlig ignoriert. Es müsse jetzt ein Kaiserschnitt gemacht werden. Aber in einem anderen Krankenhaus. Unter Stress packte ich alles in einer halben Stunde zusammen, es war ziemlich viel, da mir viele Leute Essen und Geschenke mitgebracht hatten, und mich im Krankenhaus mit Fußmatte und Zusatzkissen eingerichtet hatte. Mein Mann war noch zuhause und hätte kaum die Zeit gehabt, es rechtzeitig herzuschaffen. Es war der 15. Juni, unserer 1. Hochzeitstag. Es konnte nicht sein, dass diesauch das (viel zu frühe) Geburtsdatum unseres Sohnes werden würde.

 

Die Vorstellung, jetzt einen Kaiserschnitt zu bekommen, fühlte sich unglaublich falsch an.

 

Im Krankenwagen kam ich mir vor wie auf dem Weg zu Schlachtbank. Ich rief alle möglichen Leute an. Der 16-jährige Rettungssanitäter, der mir gegenüber saß muss ziemlich überfordert mit mir gewesen sein. Ich war nur am Heulen und versuchte dem Kind zu erklären, dass es jetzt (25+4) auf die Welt kommen müsse. Im städtischen Krankenhaus angekommen, wurde ich zunächst in den Kreißsaal gebracht und von einer seiner freundlichen und ruhigen Hebamme empfangen. Auch bekam ich endlich ein Gespräch mit einem Kinderarzt, der mich über die Folgen der Kortison-Spritze für das Kind aufklärte sowie die Risiken, die extreme Frühgeburten mit sich bringen. Irgendwann kam mein Mann an. Auch hier wurde mir noch einmal Blut abgenommen, CTG gemacht, der Muttermund untersucht. Der war weiterhin über 4 cm lang. Ich hatte weiterhin keine Wehen. Es gab also weiterhin keine Geburtsanzeichen. Auch hatte ich weiterhin recht viel Fruchtwasser, obwohl ich dieses die ganze Zeit über verlor. Da aus Sicht dieses Krankenhauses mein Entzündungswert noch nicht ins Unermessliche gestiegen war, wurde ich wieder stationär aufgenommen. Da nun die Gefahr einer OP abgewandt war, bekam ich gegen 15h endlich etwas zu Essen. Der Schock saß tief. Ab jetzt war es mir ernst.

 

Ab sofort wollte ich keinen Besuch mehr empfangen, außer natürlich meinen Mann und meine beste Freundin aus Kindertagen, die extra aus 400km Entfernung am folgenden Tag anreiste. Mein Handy schaltete ich jetzt für mehrere Stunden pro Tag aus und ich beschäftigte mich mit Achtsamkeit und versuchte, für alles Positive dankbar zu sein, für jeden Tag, den mein Kind in meinem Bauch verbleiben durfte. Ich bekam weiterhin Antibiotikum, auch die Entzündungswerte wurde getestet, jedoch lange nicht so oft wie in der Uniklinik. Außerdem wurde jeden Tag ein CTG gemacht. Während man mir in der Uniklinik gesagt hatte, dass es sowieso auf einen Kaiserschnitt hinauslaufen würde, spätestens in der 32. SSW (würde ich diese erreichen), so stellte mir hier eine Ärztin in Aussicht, dass die Geburt evtl. auch natürlich erfolgen würde, je nach Situation. Momentan hatte mein Kind aber Querlage. Auch war klar, dass man die Geburt hier solange wie möglich hinauszögen würde. Die Ärztin erklärte mir aber auch, dass man mir, würden Wehen einsetzen, keiner Hemmer geben würde, da dies dann ein Zeichen für eine Infektion sei und die Geburt die natürliche Reaktion des Körpers, um das Kind zu schützen.

 
Ich fühlte mich hier wider Erwarten viel besser aufgehoben. Auch hier hatte ich eine nette Zimmernachbarin und im Rollstuhl fuhr mich mein Mann jeden Tag durch den angrenzenden Park. In den folgenden Tagen fanden sehr viele Geburten statt; Visiten gab es daher kaum. Das tägliche CTG zeigte mal absolute Ruhe, mal leichte Wehen an, doch waren diese, laut Hebammen, kein Grundzur Beunruhigung. Das Fruchtwasser, das ich weiterhin verlor, zeigte jetzt manchmal aber leichte Blutschlieren oder war rosa verfärbt. An einem Tag fand ich etwas Festes Weißes in der Vorlage. Ich vermute, dass es sich um Eihaut handelte. Da aber kaum die Möglichkeit bestand, mit den Ärzt*innen zu sprechen und mich die Schwestern beruhigten, dass alles in Ordnung sei, machte ich mir keine weiteren Gedanken. Am Mittwoch, den 19. Juni, war das CTG erneut absolut unauffällig. Ich war glücklich, da ich bereits seit einem Tag die 26. SSW vollendet hatte. Mein Mann und ich saßen im Park und genossen die Sonne. Außerdem bekam ich die schöne Nachricht, dass mein Entzündungswert auf 4,9 gesunken sei. Es würde die nächsten Tage als nichts passieren. So dachte ich.
 
Am Abend zog Gewitter auf, mein Bauch war unruhig, ich nahm Magnesium und homöopathische Mittel, rieb meinen Bauch mit Lavendelöl ein. Ich spürte das Kind sehr stark treten, auch es war unruhig. Ich versuchte mich zu beruhigen. Denn: Führt Gewitter nicht zu Wehentätigkeit? Mit den Frauen im Nebenzimmer machte ich noch Witze darüber. Ich telefonierte an dem Abend mit meiner Mutter, bekam später das Antibiotikum und schlief irgendwann ein. Gegen 00.30 wurde ich wach. Die Schwester hatte vergessen, mich vom Tropf loszumachen. Ich meldete mich, um danach endlich richtig zu schlafen. Dies gelang mir jedoch nicht – ich hatte ein Ziehen in der Leistengegend, nicht stärker als bei einer unangenehmen Periode, aber eben so stark, dass ich es nicht ignorieren konnte. Ich rief die Schwester und bat, zur Kontrolle in den Kreißsaal gebracht zu werden. Es war ca. 01.30h. Dort wurde mich erst einmal ein CTG gelegt, welches auch eine leichte Wehentätigkeit anzeigte, die am Ende aber abflaute. Ob ich zusätzlich untersucht werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch offen, die Ärztin befand sich in einer Untersuchung. Ich ging auf Toilette. Als die Ärztin zu mir kam, war plötzlichwar alles sehr entschieden. Ich saß auf dem Stuhl, die Hebamme, die mich von der Station geholt hatte, stand plötzlich neben mir, legte mir beruhigend ihre Hand aufs Bein. Da schoss es mir durch den Kopf, dass es irgendwie ernst sein müsse. „Ich sehe einen Fuß“, waren die nächsten Worte, die ich hörte.
 
„Wir müssen jetzt einen Kaiserschnitt machen. Viel Zeit haben wir nicht“.
 
Ich wollte meinen Mann anrufen, hatte mein Handy aber nicht dabei, doch seine Nummer war im Kreißsaal hinterlegt. Das brachte aber nichts, denn sein Handy warabgeschaltet, er war zuhause und schlief. Nach mehrmaligem erfolglosem Anklingeln war klar, dass die Geburt ohne ihn stattfinden würde. Zumindest fühlte sich die Tatsache, dass jetzt ein Kaiserschnitt gemacht werden musste, in dem Moment nicht mehr ganz so falsch an, wie einige Tage zuvor. Es war jetzt ca. 02.45h. Ich musste wieder auf mein Bett, wurde in den OP-Vorbereitungsraum geschoben. Meine erste OP überhaupt. Zeit, die Unterlagen durchzulesen, war nicht mehr. Um 03.05h unterschrieb ich sie. Meinen Ehering musste ich ausziehen, den Nasenpiercing und die Knirschschiene rausnehmen. An die einzelnen Abläufe erinnere ich mich nicht mehr. Ich bat unzählige Male, mit dem Spray zu testen, ob die Betäubung schon wirke. Der schlimmste Moment war der, als ich in den OP geschoben wurde. Trotzdem sagte ich noch: „Das ist ja wie in einer Serie“ (obwohl ich nie solche Serien geschaut habe). Von der Hebamme und auch den Ärzt*innen wurde ich die gesamte Zeit sehr gut begleitet. Ich erinnere mich an das weiße Tuch vor meinem Gesicht, und irgendwann ein Ruckeln. Es fühlte sich an wie das Malen mit Straßenkreide früher auf dem Asphalt. Irgendwann hörte ich nur ein „Hendrik. Wo ist Hendrik? Er geht nicht ans Telefon!“ Im Geburtsbericht in meiner Akte las ich später, dass es sich bei Hendrik um den Oberarzt handelt, der hinzugerufen wurde, da die Kindslage kompliziert war. Irgendwann fragte ich ob das Kind schon da sei. Es war schon draußen, mir wurde gratuliert. Seinen Namen hatte ich trotz allem parat.
 
Er wurde um 03.40, weniger als eine Stunde nach der Entscheidung zum Kaiserschnitt, geboren.
 
Sehen würde ich Joán erst viele Stunden später. Ich wurde wieder in den Kreißsaal zur „Überwachung“ geschoben, bekam noch ein „Gläschen“ Schmerzmittel. Dort blieb ich 1,5 Stunden. Ich war immer noch komplett allein und versuchte zu begreifen, was passiert war. Ich hatte 2 Fotos von meinem Kind. Ich schaute das Kind auf den Fotos an. Es war mir so fremd. Ich hatte nie an der Stärke meines Sohnes gezweifelt, jetzt fragte ich mich plötzlich ob es überleben würde und wenn ja, wie. Nach einer guten Stunde erschien endlich der Kinderarzt und sagte mir, dass Joán versorgt sei. Er hatte ein paar Atemprobleme gehabt, war intubiert worden. Die weiteren Details gingen an mir vorbei. Um 05.30 morgens kam ich wieder auf mein Zimmer. Da meine Zimmernachbarin tags zuvor entlassen worden war, war ich auch hier alleine. Ich sollte schlafen, mich ausruhen, schreckte aber alle 5 Minuten hoch, schaute auf die Zimmeruhr, hoffte dass mein Mann endlich endlich auf sein Telefon schauen und herkommen würde. Diese Erfahrung musste ich irgendjemandem kommunizieren, hatte aber keine Möglichkeit dazu. Irgendwann klingelte ich nach der Schwester, damit sie mir mein Handy gab. Bewegen konnte ich mich nicht. Mein Kind war weg, das war das einzige, was ich fühlte, man hatte mir das Kind mitten in der Schwangerschaft gewaltsam aus dem Bauch geschnitten - so die Wahrnehmung meines Körpers - ich war komplett alleine und niemand wusste, was passiert war. Und auch jetzt konnte ich mich niemandem mitteilen, denn es war niemand da. Ich rief verschiedenen Leute an, doch niemand nahm ab. Es war der Morgen von Christi Himmelfahrt. Die Leute schliefen aus, waren im Urlaub. Irgendwann schickte ich ein Bild de Fotos, das ich hatte, an meine Whatsapp-Kontakte, selbst an meine Chefin. Auch in Facebook machte ich einen Post. Die Welt musste es erfahren. Gerne hätte ich alles den Frauen im Nebenzimmer erzählt, aber die Glastür meines Zimmers war zu und zu weit weg und ich konnte mich nicht bewegen.
 
Irgendwann rief mein Mann an. Als ich ihm erzählte, was passiert war, weinte er. Doch er kam und kam nicht. Es waren quälende Stunden. Besonders freundlich oder einfühlsam wurde ich von den Schwestern auf Station auch nicht behandelt. Mein Mann kam irgendwann nach 9 Uhr an. In seiner Überforderung hatte er sich zuhause auf Youtube Videos von Frühgeburten angeschaut und war nicht in der Lage gewesen, sich ein Taxi zu nehmen. Irgendwann schaffte ich es, einzuschlafen, während mein Mann, der irgendwann eingetroffen war, zum Kind auf die Perinatalstation ging. Erst am Nachmittag versuchte ich, mit Hilfe einer Schwester und meines Mannes aufzustehen. Ich wurde sofort ohnmächtig. Trotzdem war ich am Abend soweit, endlich mein Kind sehen zu dürfen, im Rollstuhl durfte ich runter ins Perinatalzentrum, wo unser Sohn im Inkubator auf Platz 7 lag.
 
Mit meinen Händen durfte ich ihn am Kopf und an den Füßen berühren. Er war soooo winzig. 877g. 33 cm, ohne Beine vielleicht 20 cm. Er sah nicht aus wie ein Baby. Hatte eine rötliche dünne runzelige Haut, eine faltige Stirn, seine Augen waren noch geschlossen, seine Hände und Füße vergleichsweise lang, seine Öhrchen ganz flach, noch nicht eingerollt. Er lag auf dem Rücken und schlief. Wurde intravenös ernährt, war an den Monitor angeschlossen, hatte eine Atemhilfe auf dem Kopf. Die Kabel machten mir nichts aus und ich beschloss, jetzt stark zu sein, zu funktionieren, alles für dieses Kind zu tun. Die Schwestern und das Ärzteteam waren geduldig und ruhig. Die notwendigen Untersuchungen und Risiken wurden uns erklärt. Prognosen gab es keine, jedoch wurde uns gesagt, dass unser Sohn vermutlich bis zum errechneten Termin im Krankenhaus bleiben müsse. Nach den ersten 72 Lebensstunden wurde Joán endlich vom Rücken auf den Bauch gelegt. Ich durfte ihn zum ersten Mal in den Arm bzw. auf die Brust nehmen. Es war ein sehr erlösendes Gefühl.
 
Dennoch konnte ich nachts nur mit einem Kuscheltier im Arm als Kind-Ersatz einschlafen; nachts schreckte ich auf, weil ich nach ihm suchte und es verging keine Nacht, in der ich nicht von ihm träumte.
 
Zwar durfte man hier theoretisch rund um die Uhr zu seinem Kind – dies war aber aufgrund der beengten Verhältnisse auf der Perinatalstation nicht realistisch. Die meiste Zeit schlief er sowieso, da schon allein das Atmen, das Essen lernen über die Magensonde, das Wickeln – alles sehr anstrengendwar. Wach war er nur zu den Versorgungszeiten alle 6 Stunden. Das. Känguruen war einmal pro Tag vor oder nach seiner Versorgung möglich. Früh wurden wir auch in die Versorgung und Pflege mit einbezogen. Ich hielt es noch 2,5 Wochen im Krankenhaus als Begleitperson aus, entließ mich aber dann. Es gab zuviele Triggermomente. Besonders die Wöchnerinnenstation (auf der ich sensibler Weise nicht untergebracht war) mit all den reifen Babies bei ihren Müttern und der Werbung der Geburtsfotografin konnte ich kaum aushalten. Die täglichen Fahrten im öffentlichen Nahverkehr zu Joán waren anstrengend und ermüdend. Die Narbe begann wieder zu schmerzen. Manchmal war es nicht einmal eine Stunde, die ich pro Tag bei ihm war; es gab im vergangenen Sommer viele extreme Frühgeburten und dann konnte es passieren, dass man die Station von einen auf den anderen Moment verlassen musste, selbst wenn man gerade erst angekommen war.
 
Zum Glück wurde Joán nach knapp 5 Wochen ins Kinderkrankenhaus, welches in der Nähe unserer Wohnung liegt, auf die Frühgeborenenstation verlegt, wo er weitere 5 Wochen blieb. Gottseidank ist er heute kerngesund und hatte toitoitoi keinerlei Komplikationen. Joán ist ein echtes Powerkind und das ist eine Sache über die ich sehr sehr sehr dankbar bin. Das Milchabpumpen, 6-7-mal täglich, das ich einen Tag nach der Geburt begann, hasste ich. Als Joán fünf Wochen alt war, durfte ich ihn das erste Mal anlegen. Das Saugen klappt sofort, dennoch musste er weiterhin auch über die Flasche bzw. Magensonde mit abgepumpter Milch ernährt werden. Entlassen wurde er nach 73 Tagen Krankenhaus, am 30. August 2019 mit 2220gr und 46cm, 3,5 Wochen vor dem errechneten Termin (24.9.). Entlassen wurde er nach 73 Tagen Krankenhaus, am 30. August 2019 mit 2220 Gramm und 46 cm, 3,5 Wochen vor dem errechneten Termin (24.09.).Entlassen wurde er nach 73 Tagen Krankenhaus, am 30. August 2019 mit 2220 Gramm und 46 cm, 3,5 Wochen vor dem errechneten Termin (24.09.).Entlassen wurde er nach 73 Tagen Krankenhaus, am 30. August 2019 mit 2220 Gramm und 46 cm, 3,5 Wochen vor dem errechneten Termin (24.09.).Nachdem er bereits einen Monat zuhause war, konnte ich zum kompletten Stillen übergehen und dies bis zur Einführung der Beikost vor 2 Monaten beibehalten. Keine Selbstverständlichkeit, wie ich im Nachhinein erfuhr.
 
Ich kann nicht sagen, dass ich Gewalt durch das Personal erlebt hätte. Im Gegenteil, ich hätte nicht besser begleitet werden können.
 
Es war die medizinische Notwendigkeit, die zu dieser Situation führte. Die Plazenta-Analyse ergab übrigens ein beginnendes Amnionsinfektionssyndrom, welches letztendlich die Geburt auslöste. Die drei Monate fehlende Schwangerschaft haben mir sehr sehr lange gefehlt. Bis heute tauchen immer wieder neue Aspekte auf, über die ich trauere. Z.B. die Tatsache, nie die Nabelschnur oder die Plazenta gesehen zu haben. Dass ich mein Kind nicht von den ersten Lebensminuten an begleiten konnte, dass es keinen Schrei gab, der seinen Lebensbeginn markierte, dass ich ihn nicht mal sehen konnte, dass es soviele Stunden allein im Krankenhaus sein musste, die Untersuchungen, die er ertragen musste. Dass ich plötzlich Mutter war, war lange etwas sehr Abstraktes für mich. Ja, es gab da ein Kind. Aber es war im Krankenhaus und wurde dort vorrangig versorgt. Auch ist es komisch für mich, dass ich jetzt Mutter bin, aber nicht weiß, wie sich Wehen anfühlen. Ich habe weder eine komplette Schwangerschaft, noch eine echte Geburt erlebt. Auch wäre ich sehr gerne langsamer in Elternschaft hineingewachsen, wäre gerne auf sanftere Art und Weise Mutter geworden, hätte gerne den Mutterschutz genossen, das ungeduldige Warten, wann es wohl losgeht und ich frage mich bis heute, ob mein Verhältnis zu Joán ein anderes wäre, wäre es anders gekommen.
 

 

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© Kristina Wierzba-Bloedorn