Finja

Die Bauchgeburt unserer Tochter

Unser Baby hat sich nicht im Bauch gedreht. Ab der 34. Schwangerschaftswoche habe ich alles versucht, um sie zum Drehen zu bewegen: Indische Brücke, Purzelbaumöl, Moxen, sogar Hypnose. Unsere ungeborene Tochter blieb in Beckenendlage. Bei der Indischen Brücke sollte ich immer noch leicht auf meinen Bauch drücken und dem Baby die Drehrichtung zu zeigen. Dabei hatte ich einmal den Eindruck zu fest gedrückt zu haben und habe mir wirklich Sorgen gemacht, meinem Baby wehgetan zu haben. Von da an war ich mit Drehungsversuchen vorsichtig und entschied mich deshalb auch gegen eine äußere Wendung im Krankenhaus.

Meine Hebamme fragte mich, ob ich unbewusst eine normale Geburt verhindern wolle. Das könnte der Grund sein, warum sich mein Baby nicht dreht. Von da an hatte ich auch noch ein schlechtes Gewissen, selber schuld zu sein. Tatsächlich war ich aber so traurig, dass ich keine normale Geburt erleben sollte (meine große Tochter wurde auf normalem Wege geboren und ich habe die Geburt als heftig aber auch unglaublich schön und beeindruckend in Erinnerung), dass ich mich in einem Krankenhaus über Geburt aus Steißlage informierte. Bei dem Beratungsgespräch hatte ich jedoch ein ungutes Gefühl, das auch danach noch blieb. Ich wollte auf mein Bauchgefühl hören und das sagte mir, dass ein Kaiserschnitt besser für das Ungeborene wäre. Auf der anderen Seite war der Wunsch nach einer normalen Geburt, die Enttäuschung über den Kaiserschnitt und die Angst davor riesig.

Mein Mann und ich entschieden uns schweren Herzens für den Kaiserschnitt, einfach um kein Risiko für das Baby einzugehen. Der Belegarzt, den wir ausgesucht hatten, klärte uns über die Operation auf. Er war einverstanden auf richtige Wehen zu warten und den Kaiserschnitt erst durchzuführen, wenn das Baby auf die Welt wollte. Außerdem war er bereit, meinen Mann die Nabelschnur durchschneiden zu lassen. So war ich beruhigt. Leider kam es zwei Wochen später anders. Beim nächsten Untersuchungstermin beim Belegarzt, meinte dieser, dass er den 20.1. als OP-Termin vorschlagen würde – das war in acht Tagen und fünf Tage vor ET. Ich meinte. „Aber wir wollten doch darauf warten, dass die Wehen von alleine losgehen!“ Da hatte er plötzlich mehrere Gründe dagegen: BEL-Geburten würden oft mit Blasensprung beginnen, das Baby sei noch nicht tief im Becken, Risiko zu hoch. Primäre Kaiserschnitte seien viel entspannter und risikoärmer als sekundäre Kaiserschnitte. Unter den Wehen könnte es Komplikationen geben. Außerdem sei er am Wochenende vor dem ET im Urlaub und wenn es da losginge müsste den KS ein anderer Arzt (den ich nicht wollte) durchführen. Also ließ ich mich schweren Herzens auf den Termin ein. Meine Hebamme meinte noch, ich solle wenigstens noch vorher einleiten lassen, um dem Baby ein paar Wehen zu „gönnen“, doch dafür lagen meine Nerven zu blank. Sie konnte es aber einrichten, mich beim KS zu begleiten, was mich sehr beruhigt hat.

Am Tag vor der OP musste ich zu verschiedenen Untersuchungen ins Krankenhaus: Narkoseinformationsgespräch, CTG und Gespräch im Kreißsaal. Am Abend kam ich dann auf die Wochenstation und übernachtete dort. Am Morgen streichelte ich über meinen Bauch und erzählte meiner Tochter, dass sie bald auf die Welt geholt würde. Es hörte sich so falsch an! Sehr früh wurde ich abgeholt und im Kreißsaal auf die OP vorbereitet: CTG, OP-Hemd anziehen, Intimbereich rasieren, Katheder legen. Ich fand alles nur schrecklich. Mein Baby im Bauch war sehr ruhig und bewegte sich kaum, fast als wäre es genauso „gelähmt“ wie ich... Ich hatte viel Angst vor der OP, fühlte mich ausgeliefert, unbeteiligt an der Geburt... Meine Hebamme beruhigte mich so gut es ging.

Im OP angekommen waren viele Leute um mich herum. Der Narkosearzt und seine Assistentin waren sehr nett. Der Arzt legte die Spinalanästhesie, während meine Hebamme mir die Hand hielt und mein Mann für den sterilen Bereich vorbereitet wurde (er sollte ja die Nabelschnur durchschneiden – dass er dadurch nicht bei mir sein konnte, war mir vorher nicht klar). Nachdem die Narkose gelegt war, wurde es mir schlecht und mein Kreißlauf ging runter, aber ich habe mich schnell erholt. Mein Frauenarzt und seine Assistentin kamen herein und begrüßten mich, dann wurde ein Tuch vor meinem Kopf gespannt und der Narkosearzt und seine Assistentin verwickelten mich in ein Gespräch. Ich merkte, dass an mir herumgeschoben und herumgearbeitet wurde, was genau passierte, erfuhr ich nicht. Ich fragte auch nicht, denn die Assistenzärztin hatte mich dazu gebracht, von meiner großen Tochter zu erzählen. Bald sagte sie jedoch: „Die Fruchtblase ist schon geöffnet.“. Mir war nicht klar, was das bedeutete, aber kurz darauf hörte ich ein Baby schreien. Es schrie kräftig. Mein Verstand wusste, dass es meine Tochter sein musste, aber glauben konnte ich es nicht. Meine Hebamme zeigte mir mein Baby und nahm es dann zur ersten Versorgung mit. Der Narkosearzt berichtete mir, dass die Nabelschnur um den Hals der Kleinen gewickelt war und dies wohl auch der Grund für die Beckenendlage war. Sie hatte sich nicht drehen KÖNNEN! Wie gut, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört hatte.

Als meine Hebamme mir mein Baby kurz darauf in ein Handtuch gewickelt wieder brachte, kam auch mein Mann zu mir. Die Kleine durfte lange bei mir – bei uns – bleiben. Anlegen konnte ich sie nicht, weil das Tuch, das vor mir aufgespannt worden war fast gleich unter meinem Kinn nach oben ging. Es war auch kein Platz um sie Haut an Haut zu spüren. Die Kleine war voller Käseschmiere, hatte die Augen fast zu. Ich wollte sie anfassen und streicheln, aber meine Arme waren festgeschnallt. Der Narkosearzt machte mir den rechten Arm frei. So konnte ich meine Tochter ein bisschen berühren. Das Ding am Zeigefinger, das meine Herztöne oder so messen sollte, störte aber dabei. Trotzdem war ich gerührt, fand sie wunderschön, ihrer großen Schwester ähnlich und ich fühlte mich glücklich. Mein Mann und ich bewunderten unser Baby lange Zeit, bis meine Hebamme meinte, dass sie die Kleine nun anziehen müsste, weil sie sonst zu sehr auskühlen würde.

Schließlich nahm meine Hebamme die Kleine und meinen Mann mit in den Kreißsaal. Ich war beruhigt, dass die Kleine nicht alleine sein musste, sondern ihr Papa bei ihr war. Die OP wurde beendet. Es muss ca. eine halbe Stunde gedauert haben. Genau kann ich das aber nicht sagen. Es kam mir ewig vor, denn plötzlich war ich allein. Auch der Narkosearzt und die Assistentin waren plötzlich mit anderen Dingen beschäftigt. Ich merkte, dass an mir herumgearbeitet wurde, aber ich wusste nicht, was passierte. Das war unheimlich und dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Dann kam ich in den Aufwachraum. Ich fragte sofort nach meinem Baby, aber der Pfleger meinte, dass im Aufwachraum auch kranke Menschen seien und ich wolle doch sicher nicht, dass sich mein Baby mit einer Krankheit anstecke. Im Nachhinein finde ich das unmöglich einer frisch operierten Mutter, die nur ihr Baby bei sich haben will, auch noch ein schlechte Gewissen einzureden. Ich fragte die zuständige Schwester, wie lange ich im Aufwachraum bleiben müsse und bekam eine ungenaue Antwort: „Wenn sie ihre Beine wieder spüren. Vielleicht eine Stunde.“ Diese Aussage fand ich furchtbar. Eine Stunde WACH im Aufwachraum liegen. Wissen, dass mein Baby im Kreißsaal ist und nicht zu mir darf. Also konzentrierte ich mich auf die Uhr. Um mich herum waren gut 15 andere Patienten, die aus der Vollnarkose aufwachten. Ich war die einzige bei vollem Bewusstsein und fühlte mich schrecklich allein. Ich fragte eine Helferin, ob ich nicht wenigstens eine Zeitschrift zum Zeitvertreib haben könne, aber so etwas hatten sie nicht auf Lager. Also fragte ich, ob nicht mein Mann und mein Baby zu mir dürften und erhielt wieder die Antwort: „Vielleicht.“ Was ich nicht wusste: meine Hebamme hatte schon dreimal angerufen und gefragt, ob sie nicht das Baby zu mir bringen dürfe. Die „Aufpasserin“ im Aufwachraum hatte sie jedoch zurückgewiesen, weil gar so viele Patientin im Raum waren.

Irgendwann durften Hebamme, Mann und Baby doch zu mir. Leider weinte die Kleine sobald sie zu mir gelegt wurde und so mussten alle nach kürzester Zeit wieder gehen. Sie wurden regelrecht herausgeworfen. Ich war unglaublich traurig. Nachdem genau eine Stunde um war, rief ich nach der Schwester und verlangte, nun zu meinem Baby zu dürfen. Sie war recht unfreundlich. Da ich aber meine Beine spüren konnte, veranlasste sie, dass ich auf die Wochenstation kam.

Im Zimmer angekommen, musste ich liegen bleiben, um Kopfschmerzen und Schlimmeres nach der Narkose zu verhindern. Meine Bettnachbarin hatte Besuch von ihrem Mann. Bald kamen zum Glück auch mein Mann und meine neugeborene Tochter. Er legte mein Baby zu mir und ich fühlte mich glücklich. Leider fehlte die Privatsphäre. Auch wenn meine Bettnachbarin sehr nett war, sie und ihr Mann verstanden doch jedes Wort, das wir flüsterten. Wir hatte keine Zeit zu dritt. Nach der normalen Geburt meiner Großen durften wir fast drei Stunden im Kreißsaal bleiben und ungestört das Baby bewundern. Das war diesmal nicht möglich und fehlt mir heute noch. Auch war die Kleine sehr unruhig und weinte viel. Ich konnte mich nicht um sie kümmern, was mich traurig machte. Dafür ließ sie sich gut von ihrem Papa beruhigen und ich dachte mir, dass das ja auch gut für ihn sei.

Am Abend durfte ich mich dann endlich aufsetzen, bereute es aber sofort, weil die Naht wehtat. Mein Baby nur im Arm zu halten war schon zu anstrengend. Ich habe versucht sie zu stillen, was aber schwierig war. Wie sollte ich sie halten? Die Schwestern der Wochenstation halfen mir viel und waren toll. Trotzdem brauchte ich viel Hilfe um mein Baby zu versorgen. Die Kleine lag im Krankenhaus-Babybettchen. Wollte ich sie in den Arm nehmen, musste ich nach einer Schwester klingeln, denn sie aus dem Bett heben konnte ich nicht. Wollte ich die Kleine stillen, musste ich nach einer Schwester klingeln, die mir meine Tochter dann aus dem Bettchen nahm und mir in den Arm legte. War ich mit Stillen fertig oder zu müde, um die Kleine weiter zu halten, musste ich nach einer Schwester klingeln, die sie wieder ins Bettchen zurücklegte. Weinte mein Baby, musste ich nach einer Schwester klingeln usw. Die Kleine war sehr unruhig, weinte viel und es fiel mir schwer sie zu beruhigen. Herumtragen konnte ich sie ja nicht. So habe ich sie oft an die Schwestern abgegeben. Mit meinem Einverständnis gaben sie ihr dann auch Fläschchen, weil ich einfach zu kraftlos war, um so viel zu stillen, wie mein Baby gebraucht hätte. Auch die ersten zwei Nächte war sie im Babyzimmer und nicht bei mir. Es hat mir schrecklich weh getan, aber ich konnte mich nicht so um sie kümmern wie ich es gerne getan hätte. In der zweiten Nacht weckten mich die Schwestern und legten mir die Kleine an die Brust. Sie hatte zwei Stunden lang geweint und gequengelt und war durch nichts zu beruhigen gewesen. Als mein Mann dann am Morgen kam, legte ihm die Schwester unser Baby auf den nackten Oberkörper. Er sollte ihr die Nähe geben, die ich ihr nicht geben konnte. Währenddessen schlief ich. Ich schlief überhaupt viel und hatte viele Albträume, v.a. vom OP als meine Tochter und mein Mann schon im Kreißsaal war und ich noch zugenäht wurde und allein war. Die Schwestern auf der Wochenstation waren toll. Sie kümmerten sich um mich und die Kleine, obwohl auf der Station alle Betten belegt waren und sie alle Hände voll zu tun hatten. Auch wenn ich mehrmals hintereinander klingelte, sie waren stets hilfsbereit, herzlich und hatten immer ein aufbauendes Wort für mich. So fühlte ich mich auf der Wochenstation sehr wohl.

Und es ging schnell aufwärts. In der dritten Nacht war meine Tochter schon ununterbrochen bei mir und schlief auf mir. Und am vierten Tag konnte ich ohne Probleme – wenn auch langsam – herumlaufen. Nach fünf Tagen wurden wir entlassen. Zu Hause war die erste Zeit wunderbar. Die Kleine schlief viel. Ich auch. Meine Naht verheilte gut und ich konnte schon eine Woche nach dem Kaiserschnitt einen kleinen Spaziergang im Schnee machen. Nach zwei Wochen konnte ich meine Tochter schon kurze Zeit im Tragetuch tragen.

Doch die Kleine wurde unruhiger. Mit sechs Wochen schrie sie viel, am Abend in der Regel eine Stunde am Stück. Ich durfte nur wenige Lebensmittel essen. So vieles verursachte bei ihr Blähungen. Ich lernte Medikamente wie Carum-Carvi-Zäpfchen, Virbucol und Sab-Tropfen kennen, die ich bei der großer Schwester nie gebraucht hatte. Auch hatten wir viele Stillprobleme, denn durch die Beckenendlage, die Nabelschnur um den Hals und den Kaiserschnitt litt die Kleine unter Blockaden und Verspannungen. Durch Physiotherapie wurde es zum Glück bald besser. Mit vier Monaten war meine kleine Tochter dann auch endlich ein entspannteres Baby, wenn auch weiterhin anspruchsvoll.

Ich jedoch fühlte mich immer eigenartiger. Ich war nicht wirklich traurig, konnte aber auch nicht lachen, irgendwie emotional neutral. Erst Tagebuchschreiben und dieser Geburtsbericht haben mir geholfen, den Kaiserschnitt zu verarbeiten. Da ist noch viel, das ich verarbeiten muss:

Es war mir lange nicht bewusst, aber ich habe meinem Baby unbewusste die Schuld am Kaiserschnitt gegeben. Sie hatte sich ja nicht gedreht und deshalb musste die OP sein. Ich weiß noch nicht wie, aber ich muss diese Schuld von meinem Kind nehmen. In Wirklichkeit kann sie ja nichts dafür, die Nabelschnur war um ihren Hals. Sie hat sich im Bauch immer wieder versucht zu drehen, wurde aber von der Nabelschnur abgehalten. Wie ich das schaffe, ihr die Schuld zu nehmen, weiß ich noch nicht.

Das fehlende Bonding nach der Geburt habe ich schon ein bisschen nachgeholt. Immer wenn möglich, habe ich das Babybaden in die große Wanne verlegt. Meine Kleine Haut an Haut im warmen Wasser zu spüren genieße ich heute noch sehr. Die fehlende Zeit zu Dritt aber konnten wir bisher nicht nachholen. Die große Schwester ist ja immer mit von der Partie. Vielleicht sollte ich die Zeit zu Dritt noch nachholen, wenn die Große mal bei der Oma ist.

Das Geburtserlebnis selbst fehlt mir auch. Meine Kleine ist einen anderen Weg auf die Welt gegangen als ihre große Schwester. Dieser andere Weg erscheint mir falsch und in Anbetracht der BEL doch richtig. Meine Tochter war eine Bauchgeburt. Das kann ich nicht ändern. Ich muss lernen mich damit abzufinden.

 

 

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© Kristina Wierzba-Bloedorn