Henri

 

 

 

Geburt von Henri

 

Am 24. Juli 2008 hatte ich zwei Tage vor dem errechneten Geburtstermin um 8 Uhr einen Termin im Krankenhaus zur Geburtsplanung, nachdem mein behandelnder Frauenarzt ein zu „großes“ Kind per Ultraschall festgestellt hatte. Dieser Verdacht wurde im Krankenhaus bestätigt und man riet uns einen Kaiserschnitt vornehmen zu lassen, um mögliche Komplikationen einer normalen Geburt auszuschließen. Eigentlich wollte ich nie einen Kaiserschnitt da ich, selbst OP-Schwester, immer von einer normalen ruhigen Geburt geträumt hatte und ich diese ganze sterile Atmosphäre vermeiden wollte. Nachdem wir so lange auf eine glückliche Schwangerschaft warten mussten, waren wir sicherlich unsicherer und verängstigt und haben dem Kaiserschnitt zugestimmt. Schließlich wollten wir nur das Beste für unser Krümelchen.

Allerding waren wir über die Bedrängnis der Ärzte verwundert, die den Kaiserschnitt noch am selben Tag durchführen wollten. Ach, nun war mir alles egal. Ich wollte endlich mein kleines Baby haben und wissen, dass es ihm gut ging. Ich hatte Angst und wollte nur alles richtig machen.

Wir durften nochmal nach Hause und sollten uns um ca. 14 Uhr wieder im Kreißsaal einfinden. Der Kaiserschnitt war für 16 Uhr geplant. Mein Mann und ich fuhren also nach Hause und holten die Kliniktasche, sagten der Familie Bescheid und ich verabschiedete mich von meinen Katzen und der Wohnung, wissend, das ich sie so nicht mehr sehen würde.

Im Kreißsaal angekommen wurde ich auf den Kaiserschnitt vorbereitet. Es wurde ein Dauerkatheter gelegt, ich zog ein Klinikhemd und Antithrombosestrümpfe an. Ich legte mich ins Bett und wartete. 6 Stunden. Man hatte uns vergessen. Wir waren die ganze Zeit unruhig, aber die Hebammen versicherten uns jedesmal, dass es gleich losgehen würde und die Kollegen im OP noch arbeiten würden. Später, es war gegen 21 Uhr, als ich in den OP gebracht wurde, hat sich allerdings der Anästhesist versprochen und wir erfuhren so, dass man uns vergessen hatte. Während der ganzen Wartezeit war ich manchmal drauf und dran, einfach aufzustehen und zu gehen - aber was macht man, wenn man sich auf alles eingelassen hat, sich auf sein Baby freut und einen Dauerkatheter in der Blase hat? Man bleibt und wartet weiter…

Im OP angekommen wurden mein Mann und ich getrennt. Er zog sich um und ich wurde auf einen OP-Tisch gelegt und direkt in den OP-Saal gefahren. Da ich, wie bereits erwähnt, selbst OP-Schwester bin, nimmt man die Situation natürlich ganz anders war. Man betrachtet die Instrumente, spricht mit den Ärzten und beobachtet die Pflegekräfte, die leider nicht ganz so freundlich drein schauten, angesichts der späten Uhrzeit. Ich bekam eine Spinalkanalanästhesie, vor der ich richtig Angst hatte. Der Arzt hat sich auch einmal verstochen und ich hüpfte mit dem Gesäß vom Tisch kurz nach oben. Das fand er nicht so witzig (ich auch nicht, weiß ich doch um die Komplikationen), aber eine reine nervliche Stimulation kann man nicht unterdrücken. Ich habe meinen Mann so vermisst. Aus anderen Kliniken weiß ich, dass der Mann in dieser Situation bei der Frau sein darf und sie die Möglichkeit hat, sich an ihm festzuhalten. Leider ging das hier nicht. Als die Narkose wirkte und mein Rücken ganz warm wurde, war mir schweren Herzens klar, das es jetzt kein Zurück mehr gab. Ich war schrecklich aufgeregt und dachte immer nur an mein Baby, das sich so unwissend im geschützten Bauch befand und seine Minuten darin gezählt waren. Ich wollte ihn mit meinen Gedanken irgendwie vorbereiten, aber um mich herum ging alles so schnell. Ich wurde zurückgelegt, die Beine kamen in die Schalen und der Bauch wurde desinfiziert. Nun war mein Mann bei mir, er durfte neben meinem Kopf sitzen und die Ärzte fingen an zu operieren. Es drückte und zog und ruckelte. Darauf war nicht vorbereitet. Der Bauch war taub wie bei einer zahnärztlichen Betäubung, aber man fühlt und hört alles. Jeden Schnipp und Schnapp der Schere und ich wusste doch genau, was sie jetzt durchschnitten! War ich doch selbst bei dutzenden Sectios dabei. Wenn ich Hände im Bauch gehabt hätte, ich hätte meinen Sohn am liebsten festgehalten. Ich spürte wie es warm an meiner Seite herunterlief und ich roch das viele Blut. Mir wurde übel, ich musste mich übergeben. Alles die Aufregung. Nach einer gefühlten Ewigkeit rief der Arzt: „Mensch ist das ein großes Kind!“ und ich dachte, na Gott sei Dank haben wir einen Kaiserschnitt gemacht! Es drückte noch mehr und ich glaubte zu platzen. Es war so unangenehm. Plötzlich machte es Plop! „Es ist ein Junge, es ist ein Junge! Wie soll er denn heißen?“ fragte der Arzt. Mein Mann und ich sagten mit belegter Stimme: Henri, Henri soll er heißen! Sie hielten den kleinen Mann hoch über das Tuch und ich konnte ihn das erste Mal sehen. Er war voller Käseschmiere und ganz rot und er hat richtig zornig geguckt! Sie brachten den Kleinen weg und mein Mann ging mit ihnen mit. Ich spitze die Ohren, wollte ich den ersten Schrei doch nicht verpassen. Es dauerte auch nicht lange und Henri schrie, was das Zeug hielt. Henri war 54 cm groß und wog 3980g. Die Hebamme hat mir Henri eingewickelt in ein Handtuch gebracht und ihn kurz vor mein Gesicht gehalten. Ich war so verliebt und murmelte immer nur, ach, wie süß, ach wie süß. Leider durfte ich ihn nicht anfassen, er war so schnell wieder weg… Man brachte ihn in den Kreißsaal, mein Mann ging mit. Ich war nun alleine und alles hat zu lange gedauert. Ich wollte so schnell wie möglich auch in den Kreißsaal. Dort angekommen hatte ich schon große Schmerzen. Mir wurde ein Medikament gespritzt, was gut gegen die Schmerzen half, mich aber leider total benommen machte. Man Mann kam dann mit Henri ins Zimmer und ich wollte ihn nur an meiner Seite haben. Die Hebamme half uns dann auch beim Anlegen. Er nuckelte zufrieden. Nach 2 Stunden wurden wir wieder getrennt. Er kam ins Säuglingszimmer und mein Mann fuhr nach Hause.

Am nächsten Tag musste ich um 6 Uhr aufstehen, obwohl ich mich nicht gut fühlte. Da bin ich dann auch kollabiert. Henri anlegen war auch nicht so einfach, da mir erstmal keiner half und ich durfte ihn auch nicht bei mir behalten, sondern musste ihn im Säuglingszimmer abgeben. Das war aber so schlimm für mich, dass ich mich beschwert habe. Von da durfte er bei mir bleiben. Nachts hatte man in der Klinik gar keine Hilfe. Da wurden die Säuglinge ins Säuglingszimmer gestellt (ohne Schwester!) Wenn eines schrie, gab es erstmal einen Schnuller, ohne die Mutter zu fragen. Wenn man wickeln wollte, musste man vor dem Säuglingszimmer klingen und warten, bis die Schwester kam und die Tür aufschloss. Das waren alles so Sachen, die ich bei der Krankenhausbesichtigung nicht mitbekommen hatte.

Naja und dann bekam Henri zwei Tage nach Geburt eine Neugeborenensepsis, da er unter der Geburt mit Staphylokokkenerregern infiziert wurde. 10 Tage Intensivstation mit Antibiotika. Ich habe fast nicht geschlafen und nur geheult. Ich hatte zu Beginn der Infektion festgestellt, dass er nicht richtig trank, er war schon richtig apathisch. Aber das hat mir erstmal keiner so richtig geglaubt. Erst als ich auf einen Kinderarzt bestand, kam einer und hat Henri sofort mitgenommen.

12 Tage nach der Entbindung waren wir nun endlich zu Hause.

Trotz all der nicht so guten Umstände, die uns bei der Geburt begleiteten und trotz der Schwierigkeiten der ersten Tage, möchte ich keinen Moment wieder hergeben. Wir sind glücklich und unendlich dankbar für das größte Geschenk des Lebens.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Kristina Wierzba-Bloedorn