Vincent

 

 

Vor fast genau zwei Jahren brachte ich meinen Sohn Vincent per Sectio auf die Welt. Er befand sich in Beckenendlage und hatte sich nicht mehr gedreht. Mein Frauenarzt ist zwar einer der wenigen Ärzte, die auch bei einer Steißlage eine vaginale Geburt durchführen, aber wie er mit erklärte nicht bei Erstgebärenden. Ich hatte also einen festen Entbindungstermin, so dass ich mich schon bald mit dem Gedanken an einen Kaiserschnitt anfreunden konnte.
Für mich stellte das zu keinem Zeitpunkt ein Problem dar. Es war so- aus! Ich habe mich auch bewusst nicht über Kaiserschnittgeburten informiert, da ich meine eigene Erfahrung damit machen wollte. Und das war auch gut so. So konnte ich relativ erwartungsfrei auf den Termin zugehen.
 
Fünf Tage vor dem Termin, an einem Samstagmorgen um halb 7, hatte ich einen Blasensprung; Gott sei Dank auf der Toilette. Ich weckte also meinen Mann, rief die Hebammenhotline unseres Hebammenhauses an und schilderte die Situation. Es hieß, ich solle gleich in die Notaufnahme kommen. Also duschte ich mich noch in aller Ruhe, wusch mir die Haare und brachte meinen Körper auch sonst noch auf Vordermann. Der Koffer stand schon fertig gepackt bereit, so das wir eine Stunde nach dem Blasensprung in der Notaufnahme ankamen (glücklicherweise liegt unser Krankenhaus nur 10 Minuten entfernt). Ich war bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen ruhig und entspannt, lediglich in gespannter Erwartung. Leichte Wehen, ähnlich wie starke Regelschmerzen, setzten auch schon ein. Ich bezog also mein Zimmer im Kreißsaal, die diensthabende Hebamme untersuchte mich und sprach mit mir, bis die diensthabende Frauenärztin kam. Beide kannte ich nicht, da sowohl mein Arzt als auch meine Hebamme an diesem Wochenende frei hatten. Aber das war überhaupt nicht tragisch.
 
Mir wurde also ein Katheter gelegt, was ebenfalls überhaupt nicht schlimm war, und die Ärztin klärte uns über die Sectio auf. Dann gings auch schon los in den OP-Saal. Natürlich war ich aufgeregt, hatte aber zu keinem Zeitpunkt Angst oder dergleichen. Auch mein Mann war relativ ruhig. Warum das so war, können wir auch im Nachhinein nicht sagen. Wir fühlten uns einfach zu jedem Zeitpunkt gut aufgehoben.
 
Dann kam die OP: das OP-Team war am Samstagmorgen bestens gelaunt und betrieb während den Vorbereitungen lockeren Small Talk. Auch das Legen der PDA, vor der ich neben dem Legen des Katheters die größte Angst hatte, bekam ich kaum mit; der Anästhesist verstand sein Handwerk und ich wurde von der Hebamme auch gut abgelenkt. Meine Beine wurden also warm und irgendwann spürte ich nichts mehr. Aufgrund der tollen Atmosphäre allerdings fühlte ich mich dennoch wohl und überhaupt nicht ausgeliefert. Ich war immer noch sehr ruhig, was auch dem OP- Team nicht verborgen blieb. Aber nochmals: ich fühlte mich wohl und gut aufgehoben!
 
Um 9 Uhr begann dann der Kaiserschnitt und mein Mann saß dabei bei mir am Kopfende. Es war nichts unangenehm, alle waren sehr ruhig und ich fühlte mich gut, weil auch das OP-Team und die Hebamme uns immer wieder gut zusprachen. Dann, um 09.30 Uhr gabe es ein "Guten Morgen" von der Ärztin und daraufhin der erste Schrei meines Sohnes. Auf Knopfdruck kamen bei meinem Mann und mir die Tränen. Die Hebamme hielt ihn mir ans Gesicht und nahm ihn dann gemeinsam mit meinem Mann mit. Das war für mich vollkommen in Ordnung, denn so konnten sich jetzt meine Männer gegenseitig kennenlernen. Das ganze OP-Team gratulierte mir und beendetete in der gleichen ruhigen und unaufgeregten Weise die OP.
 
Nachdem ich dann zugenäht war wurde ich wieder in den Kreißsaal geschoben, wo schon mein Mann und mein Sohn auf mich warteteten. Ab da wurde gekuschelt, bis ich mein Zimmer beziehen konnte. Glücklicherweise hatte ich für die ganze Woche ein Einzelzimmer, so dass mein Sohn und ich uns in Ruhe der Welt stellen konnten. Außerdem machte mir die Sectio körperlich schon zu schaffen, da der Schmitt mir sehr weh tat. Husten, lachen oder niesen waren in den ersten Wochen absolute No-Gos.
 
Nichtsdestotrotz war diese Geburt bis dahin die schönste und intensivste Erfahrung, die ich in meinem Leben bisher gemacht habe.
 
Sollte ich ein weiteres Kind bekommen, so würde ich mir schon eine vaginale Genurt wünschen, um auch diese Erfahrung zu machen. Aber ich fühle mich bisher um nichts beraubt. Und auch wenn Kaiserschnitte immer wieder ins Negative gezogen werden, das sei ja gar keine "richtige" Geburt, so muss ich doch sagen: es wird am Ende ein Mensch geboren. Natürlich ist das eine Geburt!!!
 
Die körperlichen Schmerzen in Nachhinein waren echt grausig. Auch der Kaierschnitt ist kein Spaziergang. Trotzdem vertraue ich mir und meinem Körper, aber auch den Ärzten, der Hebamme und den Krankenschwestern, die es manchmal eben doch besser wissen. Mir wurde zwar die Entscheidung der Art der Entbindung von der Natur selbst abgenommen, aber ich danke allen Beteiligten, dass sie die Sectio und das ganze Drumherum für mich so ruhig, entspannt und würdevoll wie nur möglich gemacht haben. Ich hatte eine zu 100% perfekte Kaiserschnittgeburt und kann zu jeder einzelenen Minute mit einem Lächeln daran zurückdenken. Danke an die Ärztin, danke an die Hebamme, danke an das gesamte Op-Team und danke an die Krankenschwestern. DANKE!
 
Warum ich das geschrieben habe: es wird in den Medien meines Erachtens zu negativ über Kaiserschnitte berichtet; auch die Frauen, die sich eine natürliche Geburt gewünscht haben, bei denen dann aber eine Sectio durchgeführt wurde, berichten zu schlecht darüber (was für mich aber auch teilweise verständlich ist). (Anmerkung bauchgeburt.de: Jede Frau empfindet diese Geburtsform anders. Und alle Empfindungen sind ok. Wir sind verschieden und Gefühle kommen einfach und diese Gefühle kann nur jede Frau für sich selbst beurteilen.) Daher wollte ich aufzeigen, dass das ebenso eine wunderschöne Erfahrung sein kann und dass sich auch die Frauen, die sich bewusst für einen Kaiserschnitt entschieden haben, nicht dafür rechtfertigen sollen. Man macht es sich nicht leichter, denn man hat auch wahnsinnige Schmerzen, aber warum soll nur "natürlich" als natürlich gelten? Warum soll eine Geburt, bei der Frauen über mehrere Stunden hinweg starke Schmerzen haben und bei der das Baby mitunter starken Stress hat, besser sein, als ein Kaiserschnitt? Sollte nicht jede Frau selbst bestimmen dürfen, was für sie selbst das Beste ist, ohne sich rechtfertigen zu müssen?
 
Ein Mensch wird geboren- darum geht es!
 
 
 
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© Kristina Wierzba-Bloedorn