Liam Nordian - VBA2C Geburtshaus

 

 

Für meine Geschichte muss ich etwas weiter ausholen...
Ich bin Mama von mittlerweile „eigentlich“ fünf Kindern.

Meine erste Tochter gebar ich vor fast 17 Jahren still im siebten Monat der Schwangerschaft.

Zwei Jahre später folgte nach Einleitung die Geburt meiner zweiten Tochter, spontan mit Risiko. Wir waren kurz vor einem Notkaiserschnitt, weil sich die Herztöne dramatisch verschlechterten. Glücklicherweise konnte ich sie dennoch spontan entbinden. Ich hatte bei dieser Geburt einen fast kompletten Dammdurchriss, welcher mir noch lange Zeit Probleme bereitete.

Sieben Jahre später bekam ich nach 17 Stunden Dauerwehen einen Sohn. Die Herztöne fielen im Laufe der Stunden immer wieder ab, sodass man sich irgendwann dazu entschied einen Kaiserschnitt zu machen. Ich dachte damals nicht darüber nach. Ich wollte nur ein gesundes Kind haben.

Drei Jahre später dann die gleiche Situation im Krankenhaus...Wehen über zwei Tage, es tat sich aber nichts am Muttermund. Da auch dieses Mal die Angst um das Kind übergroß wurde, willigte ich zu einem erneuten Kaiserschnitt ein.
Mir war damals nicht klar, dass dies eine folgenschwere Entscheidung für mich sein würde. Meine Tochter kam mit Anpassungsstörungen zur Welt und verbrachte ihre erste Lebenswoche auf der Intensivstation. Ich durfte sie nicht einmal in den Arm nehmen, konnte nur ihre winzig kleinen Finger durch den Inkubator streicheln. Nie werde ich diese schweren Tage vergessen. Es hat mir das Herz gebrochen, sie so zu sehen.

Vier Jahre später wurde ich erneut schwanger. Diese Schwangerschaft nahm ich von Beginn an ganz anders wahr als die anderen. Ich wollte selbstbestimmt sein, ich wollte mir von niemandem sagen lassen was ich zu tun habe. Mein Körper-mein Baby! Niemand würde uns dieses Mal trennen!

Ich schrieb sämtliche Kliniken an um zu erfragen, ob ich dort denn spontan entbinden können würde. Jedes Mal war die Antwort die gleiche. Nach zwei Kaiserschnitten spontan entbinden? Bei uns nicht.

Ich war maßlos enttäuscht. Warum bekam ich von vornherein keine Chance mein Baby natürlich zu bekommen? Von Gebärmutterriss und verbluten war die Rede. Eine Klinikärztin nannte mich sogar „verantwortungslos“. „Sie haben drei Kinder. Möchten Sie, dass sie ohne Mutter groß werden“? Ich erwiderte, dass ich mich sehr gut eingelesen hatte in das Thema. Das Rupturrisiko sei verschwindend gering. „Nein! Bei uns bekommen Sie einen Kaiserschnitt“, meinte sie.

Ich begann nach Alternativen zu suchen. In meiner Verzweiflung schrieb ich ein Geburtshaus an. Nie im Leben hatte ich daran gedacht, dass ich dort mit meiner Vorgeschichte ernsthaft eine Chance haben würde.
Kurze Zeit später hatte ich eine Antwort im Mailboxfach: ich las... „so pauschal nicht zu sagen, muss Vorgeschichte kennen, spontan nach 2 KS nicht ausgeschlossen, lass uns drüber reden.“
Ich konnte mein Glück kaum fassen.


Einige Zeit später fand ein erstes Treffen im Geburtshaus statt. Die Hebamme hörte sich meine Geschichte an und meinte „du darfst dein Kind gerne bei mir bekommen“. Ich war den Tränen nah. Ich hatte tatsächlich die Chance, mein Baby spontan zu bekommen. Und dann noch in einem Geburtshaus. Die Stille und Friedlichkeit dieses Gebäudes faszinierte mich vom ersten Moment an. Es war ein wunderbarer Gedanke, dort einem kleinen Wesen das Leben schenken zu dürfen.

Im Laufe der Zeit trafen wir uns regelmäßig zu Gesprächen und Vorsorgeterminen. Ich ging zwischendurch zwar auch zu meiner Frauenärztin, stellte aber von vornherein klar was ich wollte und was nicht (z.B. kein CTG vor der 35. SSW, kein Zuckertest, keine ständigen vaginalen Untersuchungen...).
Auch erzählte ich ihr von vornherein von meinem Plan, im Geburtshaus zu entbinden. Sie unterstützte mich überraschenderweise darin.

In der 33. SSW drehte sich unser Baby in BEL. Die Wochen vergingen und es dachte nicht daran sich in Geburtsposition zu begeben. Ich turnte die indische Brücke und lies mich moxen. Nichts half!

An heilig Abend besuchte ich mit der ganzen Familie eine kleine Kapelle. Dort lag ein Fürbitten-Buch in welches ich schrieb...“Lieber Gott, bitte hilf, dass das Baby sich dreht. Noch einen Kaiserschnitt verkrafte ich einfach nicht.“

Am 27.12.15 geschah dann mein Wunder. Unser Baby drehte sich in der 38. SSW mit aller Gewalt in Geburtsposition. Ich sah das als Zeichen. Einer natürlichen Geburt stand nun nichts mehr im Wege.

Nach Weihnachten ging es dann endlich los mit regelmäßigen Wehen. Ich genoss jede Einzelne, da ich durch die damalige Einleitung und die beiden Kaiserschnitte keine natürlichen Wehen kannte.

Am 02.01.16, gegen 2 Uhr nachts bekam ich heftige Wehen im Abstand von 5 Minuten. Als sie nach 4 Stunden immer noch anhielten, beschlossen wir die Hebamme zu informieren und ins 50km entfernte Geburtshaus zu fahren. Nicht dass wir zu spät ankommen würden und doch noch ins Krankenhaus müssten. Dort angekommen waren die Wehen immer noch regelmäßig, wurden aber immer weniger schmerzhaft. Ich blieb den ganzen Vormittag zur Beobachtung dort aber am Muttermund hatte sich nichts getan.
Wir beschlossen wieder nachhause zu fahren nachdem die Wehen ganz wegblieben.
Ich war enttäuscht, weil ich mir so sicher war, dass es jetzt losgehen würde.

In den darauffolgenden Tagen kamen die Wehen immer mal wieder aber bei weitem nicht so schmerzhaft wie in dieser Nacht.

An meinem Geburtstag, dem 17.01.16, verstrich dann auch der errechnete Entbindungstermin. Es tat sich überhaupt nichts mehr. Langsam zweifelte ich daran, dass das Kind je herauskommen würde.

Am 25.01.16, 8 Tage über ET hatte ich morgens einen Vorsorgetermin bei meiner Frauenärztin. Ich verschob den Termin auf Abends, 19 Uhr, weil ich in der Nacht wegen starken Kopfschmerzen kein Auge zugemacht hatte.
Gegen 16 Uhr bekam ich erneut regelmäßige Wehen. Sie kamen alle 10 Minuten und waren recht unangenehm aber auszuhalten. Durch die Kopfschmerzen war ich wohl ziemlich abgelenkt und merkte nicht, dass die Geburt schon voll im Gange war.
Ich bat die Kinder im Kinderzimmer zu spielen und drehte die Musik auf. Zu „HIM“ zu tönen tat verdammt gut.

Abends fuhr mich mein Mann zur Frauenärztin. Sie machte ein kurzes CTG. Mehr als 10 Minuten erlaubte ich nicht, was genau dafür reichte, eine einzige Wehe aufzuzeichnen. Anschließend untersuchte sie den Muttermund. Die Fruchtblase konnte sie prall tasten aber am Muttermund selbst hatte sich nichts getan. Fingerdurchlässig, wie schon seit Wochen. Ich war frustriert!

Mein Mann fuhr im Anschluss noch schnell zum Baumarkt und ich nutzte die Zeit um meiner Hebamme eine SMS zu schicken obwohl der Befund ja nicht gerade nach „geburtsreif“ aussah. „Es könnte sein, dass es jetzt langsam losgeht. Nur damit zu bescheid weißt“.

Zuhause angekommen schickte ich Mann und Kinder schlafen. Da ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte, machte ich mir zwei Brote und verzog mich ins Schlafzimmer. Die Wehen kamen nun alle 8 Minuten. Aber auch das kam mir nicht sonderlich spektakulär vor. Ich wollte nicht nochmal ins Geburtshaus fahren um einen Fehlalarm auszulösen.

So kniete ich mich bei „Cat Stevens“ vor unser Familienbett und döste vor mich hin. Alle 6 Minuten kamen die Wehen nun. Ich realisierte immer noch nicht, dass ich mich Mitten unter der Geburt befand. Die Wehen waren gut aushaltbar und kamen schließlich alle 4 Minuten. Mich störte daran nur, dass ich alle 4 Minuten von meinem Gedöse geweckt wurde. Ich nutzte eine Handy-App mit Stoppuhr-Funktion und stellte fest, dass die nächste Wehe schon wieder 8 Minuten auf sich warten lies. Ha! Doch wieder ein Fehlalarm, dachte ich.

Als ich den Kopf nach der nächsten Wehe wieder aufs Bett sinken lies, gab es einen Knall in meinem Körper. Flüssigkeit lief aus mir raus.
Ich war so erschrocken, dass ich anfing zu weinen. Ich war erst mal unfähig mein Handy zu bedienen um meinen Mann „zu Hilfe“ zu rufen. Natürlich wusste ich, dass das nur die Fruchtblase sein konnte aber da ich dieses Erlebnis so zum ersten Mal hatte, war ich verunsichert und erschrocken.

Schließlich konnte ich seine Nummer eintippen und berichtete unter Tränen (der Erleichterung), dass nun wohl die Fruchtblase geplatzt war.
Nun wurde mein Mann panisch Er stürzte zu mir ins Schlafzimmer und rief hektisch die Hebamme an. Die ging erst mal nicht ans Telefon. Als er mir half aufzustehen, wurden die Wehen plötzlich unerträglich heftig. Der Druck nach unten war extrem und ich dachte das Baby würde jeden Moment aus mir herauspurzeln. Dennoch bestand ich darauf, erst mal zu Duschen. Mein Mann erklärte mich für verrückt, lies mich dann aber machen. Zwischenzeitlich rief die Hebamme zurück und meinte wir sollten uns dann jetzt auf den Weg machen.

Kaum war ich aus der Dusche gekrabbelt, konnte ich nicht mehr stehen. Ich lief gebückt die drei Etagen zu unserer Haustüre hinauf und tönte laut vor mich hin. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis wir im Auto saßen. Die beiden Kleinsten mussten wir mitnehmen. So kurzfristig gab es keine andere Möglichkeit.

Im Auto dachte ich ständig, es wäre jetzt soweit. Das Baby kommt! Ich rief bei jeder Kurve „Halt an, verdammt, halt an!!!!!“. Zur Erinnerung. Wir hatten knapp 50km vor uns.
Mein Mann fuhr konstant 130 km/h mit eingeschalteter Warnblinkanlage. Zum Glück war es zwischenzeitlich Mitternacht und auf der Autobahn war kaum etwas los.



Ich hatte während der gesamten Fahrt eine Wehe nach der anderen. Ich hatte kaum Zeit zu verschnaufen, schrie und fluchte abwechselnd. Unsere Kinder, hinten auf der Rückbank, schliefen den Schlaf der Seligen. Nicht einmal wachten sie auf.

Am Geburtshaus angekommen sah ich bereits Licht. Die Hebamme kam uns entgegen und stützte mich auf dem Weg hinein. Es roch ganz wunderbar nach ätherischem Öl aus der Duftlampe.

Mein Mann brachte die Kinder dort in ein Nebenzimmer mit Bett und blieb bei ihnen.
Wir hatten ausgemacht, dass er zwar mitfahren würde, mich die Geburtsarbeit aber alleine machen lassen würde. Ich könnte ihn ja jederzeit rufen, wenn ich ihn brauchte.

Die Hebamme untersuchte mich und stellte fest, dass der Muttermund 3cm geöffnet war. Die Wehen waren kaum mehr zu ertragen, ich hatte einen richtigen Wehensturm von dem ich mich kaum erholen konnte. 10 Minuten später tastete sie erneut den Muttermund. Wir waren bei 5cm.
5cm so weit war ich noch bei keinem Kind. Trotz heftiger Schmerzen empfand ich Stolz. Von wegen Wehenschwäche wie man mir im Krankenhaus immer eintrichtern wollte. Ich hatte Wehen. Und was für welche!! Und sie bewirkten auch was. In der kurzen Zeit 5 Zentimeter. Der Traum von einer natürlichen Geburt rückte immer näher.

10 Minuten später meinte die Hebamme, sie würde bei den massiven Wehen nochmal gerne nach dem Muttermund schauen. Die Untersuchung war alles andere als angenehm aber die Botschaft Wahnsinn. 8 cm !!!

Weitere 10 Minuten später wollte ich eine PDA, Lachgas und einen Kaiserschnitt, alles auf einmal, bitte! Die Presswehen hatten begonnen.
Innerhalb weiterer 5-10 Minuten erblickte unser Baby am 26.01.16 um 01:08 Uhr kerngesund das Licht der Welt.


Es wurde mir sofort auf den Bauch gelegt und ich konnte wenige Minuten später bereits stillen. Das Kuscheln, die Wärme, diese Situation erlebte ich wie in Trance. Ich konnte es einfach nicht fassen.
Es war atemberaubend. Ich hatte es geschafft!! Nach zwei Kaiserschnitten, habe ich ein Baby natürlich geboren. Ohne Komplikationen! Ohne die kleinste Geburtsverletzung. Ich war heile und meine Seele konnte es nun langsam auch werden. Das Trauma „Geburt“ begann sich in den nächsten Tagen und Wochen aufzulösen. Ich konnte Frieden schließen mit den vorangegangenen Geburten.
Ich spür(t)e eine urgewaltige Kraft in mir. Wenn ich das geschafft habe, schaffe ich auch alles andere in meinem Leben.

Wir blieben noch bis morgens im Geburtshaus. Als die Kinder wach wurden, staunten sie nicht schlecht über ihr neues Geschwisterchen. Ausgiebiges Kuscheln und Bestaunen war angesagt.

Ich bin dankbar! Dankbar meinem Mann gegenüber, der das alles mitgemacht hat und mich immer wieder aufgebaut hat.
Unendlich dankbar bin ich meiner Hebamme. Für ihr Engagement, ihren unablässigen Glauben an mich, für die Kraft die sie mir dadurch immer wieder gegeben hat. Für ihren Mut, für ihr Sein, für alles.

DANKE!

 

 

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© Kristina Wierzba-Bloedorn